WCAG, BITV und BFSG: Barrierefreiheit verständlich erklärt
Technische Prüfkriterien und gesetzliche Pflichten sind unterschiedliche Ebenen. Prüfe, welche Anforderungen A, AA und AAA beschreiben und welche gesetzlichen Vorgaben zu deinem Angebot passen.
Eine Website muss sich auch ohne Maus, mit vergrößertem Text und mit unterstützenden Technologien bedienen lassen. Ob Menschen eine Leistung verstehen, ein Formular ausfüllen oder einen Termin buchen können, ist eine konkrete Nutzungsfrage. Technische Standards helfen, solche Anforderungen systematisch zu prüfen. Welche rechtlichen Pflichten gelten, muss zusätzlich für das tatsächliche Angebot geklärt werden.
Was WCAG A, AA und AAA bedeuten
Die Web Content Accessibility Guidelines des W3C beschreiben überprüfbare Anforderungen an Webinhalte. WCAG 2.2 umfasst die Konformitätsstufen A, AA und AAA. AA setzt die Anforderungen von A und AA voraus; AAA ergänzt weitere Anforderungen. Eine einzelne bestandene Kontrastmessung genügt deshalb nicht für eine Aussage über die Konformität der ganzen Website. WCAG 2.2 des W3C.
Für die praktische Arbeit gliedern sich die Anforderungen nach Wahrnehmbarkeit, Bedienbarkeit, Verständlichkeit und Robustheit. Welche Version und welcher Umfang geprüft werden, muss im Bericht stehen. Eine vollständige AAA-Konformität ist kein pauschaler Mindestmaßstab für jedes Projekt. Auch zusätzliche einzelne AAA-Verbesserungen können sinnvoll sein, ohne dass die gesamte Website AAA erfüllt.
Gesetzlichen Anwendungsbereich separat prüfen
Das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG) gilt seit dem 28. Juni 2025 für die dort genannten Produkte und Dienstleistungen. Bei Websites ist insbesondere der elektronische Geschäftsverkehr mit Verbrauchern relevant. Es erfasst nicht pauschal jede Website oder jede App eines Unternehmens. Maßgeblich sind die angebotene Dienstleistung und ihr tatsächlicher Ablauf. § 1 BFSG und FAQ der Bundesfachstelle.
Für Kleinstunternehmen, die Dienstleistungen anbieten oder erbringen, enthält § 3 Absatz 3 BFSG eine Ausnahme. Die Definition verlangt weniger als zehn Beschäftigte und entweder höchstens zwei Millionen Euro Jahresumsatz oder höchstens zwei Millionen Euro Jahresbilanzsumme. Die Ausnahme ist nicht pauschal auf alle Produkte zu übertragen. § 2 Nummer 17 BFSG, § 3 BFSG.
Die Barrierefreie-Informationstechnik-Verordnung (BITV 2.0) gehört zum Regelungsrahmen für öffentliche Stellen des Bundes; für andere öffentliche Stellen können eigene Regelungen gelten. Eine technische WCAG-Prüfung allein ersetzt nicht alle weiteren gesetzlichen Pflichten, etwa an Informationen oder Rückmeldewege. Die passende rechtliche Einordnung sollte vor dem Prüfauftrag feststehen. BITV 2.0.
Sieben praktische Prüffelder
Textkontrast messen
Für normalen Text sieht WCAG 2.2 auf AA grundsätzlich mindestens 4,5:1 vor, für entsprechend großen Text 3:1. Die Definition großen Texts und Ausnahmen gehören dazu. Miss die tatsächlichen Farben einschließlich Zuständen und Hintergründen; ein bloßer Eindruck genügt nicht. W3C zum Kontrastkriterium.
Mit der Tastatur bedienen und den Fokus prüfen
Gehe durch Menü, Dialoge und Formulare, öffne und schließe Bedienelemente und prüfe die Reihenfolge. Der aktuelle Fokus muss sichtbar sein. WCAG 2.2 unterscheidet dabei das AA-Kriterium zum sichtbaren Fokus von zusätzlichen AAA-Anforderungen an dessen Erscheinungsbild. W3C zum sichtbaren Fokus.
Bilder entsprechend ihrer Aufgabe beschreiben
Ein informatives Bild braucht eine passende Textalternative. Ein rein dekoratives Bild wird anders behandelt als ein Bildlink oder ein Diagramm. Entscheidend ist die Information oder Funktion im Kontext, nicht eine möglichst lange Beschreibung. W3C-Anleitung zu Bildern.
Formulare einschließlich Fehler prüfen
Felder brauchen verständliche Beschriftungen und notwendige Hinweise. Eine Fehlermeldung muss die Korrektur erklären; eine rote Umrandung allein genügt nicht. Prüfe den Weg vom ersten Feld bis zur bestätigten Verarbeitung mit Tastatur und unterstützender Technik. W3C-Anleitung zu Formularen.
Struktur und Links verständlich halten
Überschriften beschreiben die folgenden Abschnitte in einer sinnvollen Hierarchie. Linktexte sollen das Ziel mit seinem Zusammenhang erkennen lassen. Eine einzelne Hauptüberschrift macht eine Seite noch nicht barrierefrei. Die Überschriften müssen Abschnitte verständlich ordnen und technisch als solche erkennbar sein.
Vergrößerung und kleine Bildschirme einbeziehen
Vergrößere Text und Ansicht und prüfe, ob Inhalte, Fehlermeldungen oder Knöpfe verloren gehen. Kontrolliere auch fixierte Flächen und die Bildschirmtastatur. Die tatsächliche Bedienbarkeit ist wichtiger als ein Screenshot ohne sichtbaren Fehler.
Videos und dynamische Inhalte berücksichtigen
Untertitel, andere benötigte Medienalternativen, Pausenfunktionen und Statusmeldungen müssen passend zur jeweiligen Nutzung geprüft werden. Automatisch erzeugte Untertitel brauchen eine Inhaltskontrolle. Neue Dialoge, Filter und nachgeladene Meldungen gehören in die Prüfung, nicht nur die zuerst sichtbare Seite.
Ein Selbstcheck ist kein Konformitätsnachweis
Automatische Werkzeuge finden bestimmte Fehler. Die Beurteilung ganzer Abläufe und vieler Inhalte benötigt fachliche menschliche Prüfung. Das W3C erklärt ausdrücklich, dass kein Werkzeug allein die Erfüllung von Zugänglichkeitsstandards feststellen kann. W3C zur Accessibility-Prüfung.
Ein brauchbarer Bericht nennt Seiten, Zustände, Kriterien, Belege und Grenzen der Stichprobe. Er hält offene Befunde und die Nachprüfung nach Korrekturen fest. Für einen UX-Review vereinbaren wir den tatsächlichen Umfang vor Beginn. Eine zusätzliche Reichweiten-, Umsatz- oder Rechtssicherheitsgarantie folgt daraus nicht. Die rechtlichen Hinweise dieses Artikels ersetzen keine Prüfung deines Einzelfalls.
Für eine Prüfung der Nutzerführung vereinbaren wir Seiten, Aufgaben und den Umfang.
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Beschreib die Website und die Abläufe, die geprüft werden sollen. Wir stimmen Umfang und fachliche Prüfung mit dir ab; rechtliche Anforderungen werden gesondert geklärt.